
Was ist die Lobau? Die Lobau ist eine Auenlandschaft im Osten von Wien. Sie ist nicht nur Naherholungsgebiet der Wiener*innen sondern mit seinen 2.300 Hektar auch Wiens größter Beitrag zum Nationalpark Donau-Auen, der sich von der Alten Donau in Wien bis nach Hainburg in Niederösterreich erstreckt. Die Donau-Auen sind die größte zusammenhängende, ökologisch weitgehend intakte und naturnahe Aulandschaft in Mitteleuropa. Durch den Bau des Lobau-Tunnels droht dem Grundwasser unter der Lobau eine potenzielle Absenkung, stellenweise ein Anstau des Grundwassers. Außerdem könnten durch eine Austrocknung Tiere und Pflanzen im Nationalpark gefährdet werden. Bisher ist noch unklar, inwieweit der Grundwasserspiegel von einem Bau beeinträchtigt wäre.
Was ist das Projekt Lobau-Autobahn? Der offizielle Name des umgangssprachlich als Lobau-Autobahn oder Lobau-Tunnel bezeichneten Autobahnprojekts lautet „S1 Wiener Außenring Schnellstraße Neubau Schwechat bis Süßenbrunn“. Von der ASFINAG wird sie auch als „Lückenschluss im Regionenring um Wien“, medial manchmal als Wiener Nordostumfahrung bezeichnet. Die Lobau-Autobahn soll Teil der geplanten Nordostumfahrung von Schwechat bis Süßenbrunn werden und Teil einer LKW-Transitstrecke von Nord- nach Südeuropa (europ. TEN-Strecke) für den Schwerlastverkehr. Sie hat eine Gesamtlänge von 19 Kilometern, die überirdisch durch die Wohngebiete Essling, Raasdorf und Groß-Enzersdorf und als ca. 8 Kilometer langer, zwei-röhriger Tunnel unter die Donau und den Nationalpark Donau-Auen führen soll. Sie soll Teil eines Außenrings rund um Wien werden und stellt den Abschnitt der Schnellstraße S1 zwischen den Knoten Schwechat und Süßenbrunn dar, der Lobau-Tunnel quert den Nationalpark Donau-Auen unterirdisch und soll zwischen Eßling und Groß-Enzersdorf wieder auftauchen.
Autolobby treibt Projekt voran
Die Autolobby, die dieses Monsterprojekt vorantreibt, hat viele Gesichter: Mit der Industrie verstrickte Parteien im Nationalrat, der mit einem Beschluss die Entscheidung zum Bau rückgängig machen könnte; die Bundesregierung, die dazu keine Schritte einleitet; die ASFINAG als Bauherrin; die Industriellenvereinigung (IV) und Wirtschaftskammer (WKO) als große Befürworter des Projekts – und die betroffenen Landesregierungen, die die Projekte jeweils mittragen.
Wie kam es zu dem Projekt?
Obwohl die Bauvorhaben seit 2024 wieder Aufwind erfahren, ist das Projekt durchaus nicht neu. Im Gegenteil, die Idee, die Lobau mit Straßen zu durchqueren schlug schon 1893 der antisemitische Architekt Otto Wagner vor. Auch die Nazis träumten 1941 von einer „Reichsautobahn Wien-Breslau“ (Wrocław) als panzerfitte Autobahn. Sie betonieren zwar erste Brückenpfeiler in der Donau, brechen den Bau aufgrund von Kriegswirren wieder ab. Mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter:innen wurde in der Lobau während des NS-Regimes ebenfalls das Öllager (heute von der OMV genutzt) und Ölhafen gebaut. Die Lobau war während des NS-Regimes zudem umkämpfter Widerstandsraum. Neben Zwangsarbeiter:innenlager ungarischer Jüdinnen und Juden beim OMV-Lager galt insbesondere das Nahrerholungsbiet der unteren Lobau als Treffpunkt für Kommunistische und Sozialistische Gruppen.
Der Widerstand formiert sich
Galt die Lobau schon zu früheren Zeiten als Ort des Widerstandes, so bildete sich in den 1970er Jahren vehementer zivilgesellschaftlicher Widerstand für die Lobau. So wurde der Bau von gleich zwei Autobahnen von Naturschützer:innen und der Kampagne „Lobau darf nicht sterben!“ erfolgreich verhindert. Doch bereits in den 1990ern – obwohl 1978 die Lobau zum Naturschutzgebiet geworden ist – liegen schon wieder Trassenpläne auf dem Tisch. Und wieder verhindern Bürger:innen-Initiativen, NGOs und Einzelpersonen die Umsetzung. Doch auch mit der Ernennung der Lobau als Teil des Nationalparks Donau-Auen 1996, werden die veralteten Baupläne nicht verworfen.
Lobau 1.0: 2000er-2021
Auch in den 2000ern bleibt der Widerstand gegen die Lobau-Autobahn von Bürger:inneninitiativen unermüdlich, wodurch das klimaschädliche Projekt immer weiter hinausgezögert wird. 2006 wurden Probebohrungen im Nationalpark während einer 6-wöchige Mahnwache von Besetzer:innen blockiert, zahlreiche Aktionen, Info-Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen machen sich weiterhin für den Erhalt der Lobau stark. Auch auf juristischer Ebene geht der Widerstand gegen die Autobahn kontinuierlich weiter. Mit dem Baubeginn der Stadtstraße 2021 erreichte der Widerstand gegen die Lobau-Autobahn und ihre Zubringerstraßen einen Höhepunkt mit den Besetzungen von Lobau bleibt! Die Stadtautobahn („Stadtstraße“) ist eine 4-5 spuriger Autobahn-Zubringer zwischen Seestadt Aspern und Hirschstetten, der sich aktuell im Bau befindet. Im August 2020 entsteht in Hirschstetten die erfolgreiche Lobau Bleibt Besetzung. Durch den politischen Druck durch die Besetzung stoppt die damalige grüne Klima- und Verkehrsministerin Leonore Gewessler die Planung der Lobau-Autobahn und des Lobau-Tunnels im Dezember 2021. Die Besetzung an der Hausfeldstraße bleibt jedoch weiterhin aufrecht, da die Stadtautobahn weiterhin gebaut werden soll. Am 31. Dezember 2020 bringt ein Brandanschlag auf die „Pyramide“ der Besetzung die Aktivist:innen in Lebensgefahr und die Stadt Wien droht mit Slapp Klagen. Erst im April 2021 Jahres wird auch die letzte Besetzung an der Stadtstraße schließlich mit viel Polizeiaufgebot geräumt. Doch das Kulturfestival „Kultur statt Beton“, eine Aktionswoche rund um den SPÖ Parteitag und einer Demonstration mit 2500 Menschen zeigen lautstark, die Bewegung um Lobau Bleibt ist unräumbar!
Lobauer Erklärung
Gemeinsam mit Fridays For Future und dem Umweltbureau VIRUS haben wir 2021 monatelang ein Manifest gegen die Lobau-Autobahn und für eine angemessene Klima-, Umwelt- und Verkehrspolitik ausgearbeitet. Denn die Zeit für fossile Betonprojekte wie die Lobau-Autobahn ist abgelaufen! Zu den Erstunterzeichner*innen gehörten Wissenschafter*innen wie Helga Kromp-Kolb, Barbara Laa und Bernd Lötsch.
Lobau 2.0: ab 2024
Die profitgierige Autolobby lässt nicht locker: Im September 2024 revidiert der neue Verkehrsminister Hanke (SPÖ) Gewesslers Stop und kündigt erneut den Bau der Lobau-Autobahn an. Obwohl das Projekt Lobau-Tunnel mittlerweile beim EuGH liegt und eine Entscheidung noch aussteht, werden im April 2026 werden erste Vorarbeiten entlang der Freilandtrasse zwischen Süßenbrunn und Essling durchgeführt. Während Hanke europäisches Recht ignoriert und durch den Baubeginn an der Freilandtrasse versucht Tatsachen zu betonieren, bleibt auch der Widerstand nicht untätig: Aktionen, Fahrraddemos, Kundgebungen und Demonstrationen finden statt.
Der Widerstand gegen die Lobau-Autobahn lebt!
Mehr Infos zur Geschichte:
Status Quo
Besonders die rot-pinke Stadtregierung behauptet gern, dass die Lobau-Autobahn alternativlos sei. Sie wiederholt dabei gebetsmühlenartig die Mythen der Autolobby, die Märchen von Verkehrsentlastung und Wohlstandsgewinnen erzählt. Dabei werden längst anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verkehrswirkung von Autobahnen, wie zum Beispiel der durch neue Autobahnen induzierte Verkehr, einfach ignoriert. Verschiedene wissenschaftliche Auseinandersetzungen und Modelle (Pfaffenpichler, 2007, Frey, 2011, Knoflacher et al., 2019) zeigen zudem, wie unwirksam die geplante Lobau-Autobahn wäre. Die angebliche Entlastung bleibt aus und bleibt dementsprechend ein Mythos auf Kosten der Steuerzahlenden, zutiefst antisozial und politisch zuhöchst verwerflich. Wer eine Autobahn als alternativlos betitelt, hat weder die politischen Fertigkeiten, sich in zukunftsfähige Verkehrskonzepte, für die Wien eigentlich weltweit bekannt ist, einzuarbeiten, noch die Tragweite der Klimakrise und der damit einhergehenden Notwendigkeit einer sozial-ökologischen Transformation verstanden – oder lässt sich ganz einfach von der Autolobby blind am Nasenring durch die Manege führen.
Stattdessen fordern Kritiker*innen der Lobau-Autobahn seit langem einen sofortigen Stop dieses Klimakiller-Projekts und einen Ausbau des öffentlichen Verkehrs, vor allem der Schnellbahn und Fahrradschnellwege. Wir setzen uns darüber hinaus für eine grundlegende Abkehr von autozentrierter Mobilitätsplanung ein. Es braucht eine radikale Mobilitätswende, in der keine neuen Schnellstraßen mehr gebaut werden; Städte von Autos befreit werden und gerechte Übergänge hin zu vergesellschafteten Mobilitätsdienstleistern statt Autofabriken geschaffen werden. Wir brauchen einen Systemwandel hin zu einer Wirtschaftsweise, in der Bedürfnisse wie Mobilität, Gesundheit, Freiheit, Bildung, Gemeinschaft und vieles mehr gestillt werden können – ohne dass sich dafür wer in ein Auto setzen muss.
In diesem Sinne wird die Lobau-Autobahn zum Kipppunkt für die österreichische Klimapolitik. Der Protest gegen sie bringt Elemente der großen Umweltbewegungen in Zwentendorf und Hainburg zusammen: die Rettung der Auen, den ungehorsamen Protest, die kreativen Aktionsformen – aber vor allem den Wendepunkt gegen nicht zukunftsfähige Technologien und eine endgültige Abkehr vom fossilen Individualverkehr.


